Freitag, 9. September 2011

Meinblogwalter zieht um

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Meinblogwalters Notizen

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Donnerstag, 25. August 2011

„Wir sind glücklich, weil wir lachen" (M. Kataria)

Lachen. Wir sollten viel mehr lachen.
Kürzlich habe ich eine Anzeige für Kurse in Lachyoga gesehen und schon ging es mir viel besser. Ich habe mir dazu ein Filmchen auf youtube angeschaut und unverzüglich kringelte ich mich vor Lachen.

Das Lachen verging mir, als ich ein paar Zeitungsseiten weiter von gescheiterten Sternen las, die lediglich Zimmertemperatur erreichen und kein Licht aussenden können.
Wussten Sie, dass Sterne scheitern können? Ist das nicht traurig, dieser Erfolgsdruck am Himmelsplan?
Klar, die großen Sterne zünden eine Kernfusion nach der anderen, aber was ist mit den Kleinen, die es nicht schaffen? Was fühlt so ein gescheiterter Stern? Allein in seiner Finsternis, kalt ist ihm und die anderen Sterne zeigen mit allen Zacken auf ihn, und ihr Strahlen lässt seine Existenz noch dunkler wirken.
Wer gibt ihm Trost? Wer bringt ihn zum Lachen? Vielleicht das Fernsehprogramm? Aber nein, was lese ich da? Fernsehen verkürzt die Lebensdauer.
Eine Stunde Fernsehen kostest 22 Minuten Lebenszeit. Wer dazu noch raucht, trinkt und Chips isst, braucht erst gar nicht mehr aufzustehen.
Bewegung würde Abhilfe schaffen, aber jetzt sagen Sie mal einem Stern, er solle sich bewegen! Ist doch kein Planet. Dann kleben unsere Problemsterne lieber schmollend im Himmelseck und träumen davon, entdeckt und zum Star zu werden. Genau das ist jetzt geschehen. Die Wissenschaftler sind begeistert und auch wenn die Entfernung höchstens eine Wochenendbeziehung zulässt, könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden.

So absurd es klingt, eine Freundschaft verbindet auch den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch mit dem Dalai Lama. Letzerer war kürzlich mal wieder im Lande.
Er könne sich vorstellen, als Honigbiene wiedergeboren zu werden, scherzte Seine Heiligkeit.
Auf dem dazugehörigen Bild trug er wie immer einen gelb-güldenen Überwurf und lächelte schelmisch – und sah aus wie eine Parallelinkarnation von Willi aus Biene Maja.

Überhaupt, was das Äußere betrifft, hat es der Dalai Lama einfach. Von einem Mann in seiner Position erwartet man keine Extravaganzen sondern ein traditionelles Kostüm und einen bescheidenen Haarschnitt. Die erlauchten Füße steckt er dazu gerne in Zehentreter, sogenannte Flipflops. Bescheiden ist der Mann, bescheiden wie der Sommer 2011, der allerdings die Grenzen des modisch Möglichen neu definiert.

Die Sommernacht 2011 bewegt sich zwischen Flipflops und Wollmütze. In der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht habe ich gesehen, dass beides an einem Abend möglich ist, aber vielleicht unterlag ich auch nur einer Halluzination des Welle-Teilchen-Dualismus, der besagt, dass jeder Mensch zugleich einen Sandalen- und einen Wollmützen-Charakter hat, aber je nach Körperausdünstung nur der eine oder der andere in Erscheinung tritt.
Immerhin, die Menschen nehmen den Sommer langsam mit Humor. Gestern sagte einer im Laden: „Des is die Rache vom Kachelmann“. Und lachte.
Ha, ich gehe jetzt zum Lachyoga und wunder mich über gar nichts mehr.

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Dienstag, 23. August 2011

Ein Fanatiker in der Stadtbücherei

Erst dachte ich, es mit einem Verschrobenen zu tun zu haben, dann, mit einem Verrückten, einem Wahnsinnigen. Inzwischen bin ich mir sicher: Es ist ein Fanatiker. Ein wahnsinniger Fanatiker.

Er verfolgt mich, vielleicht verfolge ich auch ihn. Die Grenzen verwischen. Ich weiß nicht, wer er ist, wo er ist, aber wohin ich komme, da war auch er.

Vielleicht ist es auch eine Frau. Ich weiß wenig über diese Person, aber ein Mensch muss es sein. Sie liest und sie nimmt hin und wieder einen Bleistift zur Hand um etwas durchzustreichen:

englische Lehnwörter.

Egal, welches Buch ich mir in der Stadtbücherei ausleihe, der Fanatiker war schon da und hat durchgestrichen. Kleinlich und ohne Sinn und Verstand. Ein paar Beispiele aus dem Buch von Juan Moreno, Von mir aus: Wahre Geschichten. Da liest man von der „Ostband“ „City“. Sowohl „City“ als auch „-band“ wurden durchgestrichen. Ebenso das „-song“ von „Steuersong“ oder die Worte „clever“ und „surfte“ usw. usf. Er lässt weder „ok“ noch „durchgecheckt“ stehen. Penibel sind alle irgendwie aus dem englischen kommenden Begriffe durchgestrichen.

Und es betrifft nicht nur ein Buch. Nein! Jedes zweite Buch, das ich in die Hand bekomme, wurde von diesem Wahnsinnigen bearbeitet. Unterschiedlichste Werke, bekannter und weniger bekannter Autoren. Was ist das für ein Mensch?
Und warum scheint er die gleichen Bücher zu lesen wie ich? Das macht mir Angst. Gespaltene Persönlichkeit und so. Man hört so viel... weiß ich, mit was ich die Nächte, wenn ich angeblich schlafe, zubringe?
Auch mich ärgern manche Anglizismen. Auf „das macht Sinn“ und „am Ende des Tages“ verzichte ich genau so gerne wie auf das Apostroph bei „Peter’s“. Aber deswegen jedem kleinen Lehnwort den Garaus machen? Skrupellos in Büchern anderer Leute rumkritzeln, zu streichen und zu verbessern? No, not me.

Das muss ein wirklicher Fanatiker sein.
Der Begriff Fanatiker kommt von lateinisch fanaticus. Das bedeutet, göttlich inspiriert zu sein, in rasender Begeisterung, von der Gottheit ergriffen. Nun ist mit Göttern viel passiert, seit die Römer nicht mehr Latein reden und schon manch einer hat für göttliches Gebot gehalten, was nur leerer Schall oder schlicht Unsinn war. Der verrückte Bruder des Unsinns ist bekanntlich der Wahnsinn, mit dessem Wortteil „Wahn“ irrige Vorstellungen bis zwanghafte Einbildungen benannt werden.
Was für eine arme Sau muss das sein, der die Welt verbessern will indem er Wörter in Büchern einer öffentlichen Bibliothek durchstreicht? Ein Fanatiker eben.

Doch er macht Fehler. Bei „be happy“ hat er das „be“ übersehen, bei „swimmingpool“ das „swimming“ – aber, was soll ich sagen? Shit happens, nobody's perfect und Idiot ist ja auch ein Wort aus einer anderen Sprache.

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Donnerstag, 18. August 2011

Sommer, lebende Fossilien und ewige Idioten

Hier wieder die Wochenschau mit großen und kleinen Nachrichten der letzten Tage.

Gestern, in unserem trauten Heim: Die Dame meines Herzens schneuzte sich laut trompetend die Nase und ich befürchtete, gleich stünden drei kleine Elefanten unter unserem Fenster, Rüssel und Augen nach oben gerichtet und riefen aufgeregt: „Mama?“

Überhaupt war einiges mit Tieren die letzten Tage.

Zum Beispiel lebende Fossile. Ein aalartiges Wesen hat sich 200 Millionen Jahre in einer Höhle in der Südsee versteckt. Jetzt wurde es entdeckt und mit dem schönen Namen Protoanguilla palau bedacht. Man fragt sich, wer und was kriecht noch alles von irgendwoher in die Öffentlichkeit? Mehr dazu später unter dem Stichwort "lebende Idioten".

In Frankfurt vermutet man lebende Fossile vielleicht im „Mampf“ im Sandweg, wo der Wirt die Preise in D-Mark ausruft und in Euro abkassiert.
Aber das ist nur so ein Zwischengedanke.

Als Fossil könnte man auch Günter Grass bezeichnen. Der hat sich allerdings nie versteckt und kann mitunter auf die Nerven gehen.
Doch letzte Woche habe ich ihn mal richtig lieb gewonnen und war froh, dass wir ihn haben, in unserem gar nicht so trauten Deutschland. Und das hat mit den lebenden Idioten zu tun:

In einem Beitrag bei 3Sat Kulturzeit wurde gezeigt, wie Mitglieder der Neuen Rechten eine Lesung von Grass mit Plakaten und Zwischenrufen stören.

Götz Kubitschek, Großagitator der Neuen Rechten, sagt dazu:
"Wenn wir da anders drauf gewesen wären, dann wären wir auf die Bühne gegangen ins Scheinwerferlicht und hätten ihm das Mikrofon abgenommen und gesagt: 'Opa setz' dich hin, du bist jetzt mal ruhig. Jetzt geht es um etwas ganz anderes hier.' Oder wir hätten seinen Wein ausgetrunken, der da oben auf der Bühne stand. Oder keine Ahnung, irgendwas richtig subversives." (Quelle: 3sat Kulturzeit)

Erstens ist es nicht subversiv sondern kindisch, Günther Grass den Wein wegzutrinken, und zweitens kann man denn nicht anders subversiv sein als mit rechter Scheiße?

Sie nennen sich selber Rechtsintellektuelle und verbrämen ihre Ausländerfeindlichkeit und ihr Nazi-Weltbild mit pseudo-vernünftiger Sprechweise.

Ihre Kinder heißen Brunhilde, Undine oder Ingeborg und darüber müssen sie nicht mal lachen. Unsympathisches Volk, diese Rechtsnationalen. Pfui, pfui.

Den sehenswerten Beitrag von Kulturzeit findet man hier

Am Ende noch zu erfreulicheren Dingen:
Der Sommer ist da. Es ist warm, sogar heiß, Bienen und Fliegen besuchen mich in unserer Küche und draußen tragen die Menschen schweinchenrosa Poloshirts. Der verwegene Mann auch gerne mit hochgestelltem Kragen.

Wer jetzt Augen und Ohren und alle Sinne beisammen hat, kann erleben, wie schön eine vielfältige bunte Welt ist - und wie vollkommen überflüssig rechte Gesinnungsgenossen sind.
Herzlich willkommen hingegen sind drei kleine Elefanten. Wer sie trifft, schicke sie bitte zu der Dame meines Herzens. Die kann nämlich Elefantensprache.

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Montag, 15. August 2011

Soviel Zeit muss sein

Wo immer man auf andere Menschen trifft, gibt es Grund, sich zu ärgern. Das klingt etwas übertrieben, denn wer schon einmal hundsalleine in der Mitte einer Wüste irrte, wird sich gefreut haben über den Anblick eines plötzlich auftauchenden Menschen.
Zumindest bis er ihm gegenüber stand.
Aber das sind müßige Gedanken in einer Welt voller Supermärkte, Bahnsteige und Straßenfeste.
Wer will behaupten, dass er noch nie einen verstohlenen Kampf um den Platz an der Supermarktkasse ausgetragen hat oder am Bahnsteig sich gestört sah durch gepäckbeladene Unholde mit fahrlässigem Körpergefühl?
Manche gehen zu Straßenfesten nur, um hinterher zu erzählen, wie voll es war und dass es immer schlimmer wird. Voll schlimm.

Ich gehe oft und gerne in Cafés um zu lesen.

Dabei bin sich sehr geräuschempfindlich. Wenn sich jemand am Nachbartisch den Kopf kratzt, schrecke ich ob des dabei entstehenden Geräusches hoch und schaue verärgert hinüber.
Auch sollte man sich in meiner Gegenwart weder allzu laut unterhalten noch flüstern – bitte sehr, das Zischeln enerviert ganz gewaltig.

Eine Melange aus unaufgeregten, leicht melodiösen Stimmen in mittleren Tonlagen und Café-üblichen Klängen, ein umfassendes Hintergrundrauschen, aus welchem einzelne Bedeutungen nicht mehr zu hören sind, wäre meiner Konzentration sehr zuträglich.

Leider ist mir das Glück einer solchen Atmosphäre selten beschieden.

Statt dessen:

„Mit mir kann man verünftig reden“

Sagt zum wiederholten Male ein höchstens 25 jähriger Schnösel mit pubertärer Stimme.
Ich versuche, zu ignorieren und mich in mein Buch zu versenken. Allein, es mag mir nicht gelingen. Zu aufdringlich ist die Stimme des Schnösels, zu laut und zu penetrant der Tonfall.
So höre ich, dass er kein Problem damit habe – und jetzt will ich auch wissen, mit was er verdammt nochmal kein Problem hat. Denn Schnösel klingt nach einer ganzen Freud'schen Couchgarnitur voller Probleme.

„Da steh’ ich drüber“

Es geht um Streit im Büro. Das kennen wir alle: unangenehme Kollegen, vertrackte Situationen, Meinungsverschiedenheiten, Konkurrenz, Interessenkonflikte und was es sonst noch so alles gibt.
Aber, Originalton Schnösel:

„Da steh’ ich drüber“ (er wiederholt seine Lieblingsphrasen ungeniert)

Das sei er gewohnt. In der Schule wurde er schon immer gehänselt.

Ich klappe mein Buch endgültig zu und schaue hinüber. Er trägt ein dezent gestreiftes Hemd, dass nach Karriereplanung ausschaut und hat scheitel-gegeltes kurzes schwarzes Haar. Vor ihm ein gewaltiges Stück Kuchen und ihm gegenüber ein blasser junger Mann mit Dreitagebart und krummen Rücken.

Ich ahne, dass der Kuchen nicht gegessen sein wird, bevor nicht die ganze Lebensgeschichte erzählt ist. Und der Widerstand seines Gesprächspartners scheint längst gebrochen zu sein.

„Ich hab ein fotografisches Gedächtnis“

Aha, denke ich mir und erfahre, dass er in der Schule an einem Abend gelernt hat, wofür andere mindestens drei Tage brauchten.

„Aha“, sagt jetzt sein Gegenüber, „hast du Abitur?“

„Realschule“, sagt Schnösel, aber „fotografisches Gedächtnis“ – schon immer, deswegen konnten ihn die anderen nicht leiden.

Aber da stehe er drüber und wenn der eine Kollege jetzt ein Problem habe, solle er ihn persönlich ansprechen. Schließlich könne man mit ihm vernünftig reden.

Bevor ich darüber sinnieren kann, was er unter vernünftig versteht und ob er auch dabei Monologe halten würde, wendet er plötzlich den Kopf und sieht mich an.
Wahrscheinlich habe ich geglotzt. Einmal sah ich ein böse schauendes Gesicht mit zusammengezogenen Augenbrauen in der S-Bahn und erschrak, als mir klar wurde, dass dies mein Spiegelbild im Plexiglas ist.
Ich nehme an, auch jetzt zeigte mein Gesichtsausdruck Missfallen und, wenn Gott will, eine Spur Verachtung.

Schnösel schiebt sich ein Stück Kuchen in den Mund und während er kaut, schaut er noch einmal rüber.
Lese ich in seinen Augen Unsicherheit? Verachtung? Interesse?
Nein, gar nichts entdecke ich da. Die Augen blicken so selbstbezogen wie seine Phrasen tönen.
Vielleicht dachte er, was ist denn das für ein Depp, hockt im Café, hat ein Buch dabei und liest nicht – oder: kommt alleine mit Buch ins Café, so ein komischer Kauz – oder einfach nur: Was glotzt der mich so an?

Aber wahrscheinlich dachte er einfach an sich und seine Welt und was es dazu noch alles zu erzählen gäbe.

Er wendet sich dem Kerl mit dem krummen Rücken zu und nimmt seinen monotonen Monolog wieder auf.

Wenn die Kollegen das so machen würden, wie er es gesagt hat, ginge es viel schneller. Aber die seien neidisch und redeten hintenrum über ihn.

Mir vergeht das Verlangen, ihm ordentlich unvernünftig das Gesicht in den Kuchen zu drücken und dabei „Schnauze!“ zu brüllen –

Ich zahle und räume das Feld, und falls ich ihn jemals im Supermarkt sehe, werde ich nicht versuchen, an der Kasse schneller zu sein, sondern so lange meinen Wagen durch den Laden lenken, bis ich sicher bin, er ist weg.

Soviel Zeit muss sein.

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Donnerstag, 11. August 2011

Stresstest mit der Bunten am Pfandautomaten vor der Herrentoilette

Und hier wieder die Wochenschau. Diesmal mit Auffälligkeiten der letzten drei Wochen.

Es lässt sich beobachten, dass ein gewaltiges Misstrauen gegenüber dem Pfandflaschen-Automaten in unserem Nahkauf um die Ecke besteht.
Man schiebt eine Flasche in eine runde Öffnung, der Automat dreht die Flasche um ihre Achse und scannt dabei ihren Strichcode, dann zieht er sie in die Tiefen seiner Eingeweide. Es macht „zisch“ und ein grünes Lichtchen lädt zum Einlegen einer neuen Flasche ein.
Simpel, aber der Teufel ist mehr als nur ein Eichhörnchen und wer will schon von einem Pfandautomaten betrogen werden?

Das Misstrauen zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten.
Banker, Penner, Hausfrauen; Deutsche, Türken, Schwarze, Weiße und auch Gelbe (um nur ein paar zu nennen) schauen skeptisch dem verschwundenen Pfandträger hinterher. Sie warten, wie eine Mutter nach einem Löffel Brei wartet bis das Baby geschluckt hat und bereit für die weitere Fütterung ist, dann erst nehmen sie die nächste Flasche in die Hand und werfen sie mit schneller Bewegung in die Öffnung.

Sie argwöhnen, dass der Automat eine Flasche zwar hinunter schlingen, aber nicht mitzählen könnte.
Doch das ist ausgeschlossen, denn der Automat ist, wie gesagt, simpel: Erst kommt das Zählen, dann das Fressen. Was er nicht zählen kann, spuckt er wieder aus. Trotzdem: Man weiß ja nie.

Man weiß ja auch nicht, was bei "Bunte" los ist.
Kürzlich las ich, die Bunte habe ihren Politik-Chef entlassen.

Politik-Chef der Bunten?
Brauchen sie nicht mehr, war meine spontane Annahme. Kann man streichen.

Aber nein, so schwarz-weiß ist es nicht in der bunten Welt investigativer People-Magazine. Wegen unlauterer Recherchemethoden hat das Blatt den Chef der Politik und eine weitere Redakteurin entlassen.
Unlautere Methoden? Kann man sich gar nicht vorstellen bei der Bunten.

Vorstellen kann ich mir hingegen, dass der Begriff "Stresstest" auf weitere Lebensbereiche ausgedehnt wird. Stresstests an der Käsetheke, in Beziehungen und an Pfandautomaten.
Ich sehe schon Sigmar Gabriel im nächsten Wahlkampf, wie er der Kanzlerin zuruft: "Sie haben vier Jahre lang den Stresstest nicht bestanden!"
Und Frau Merkel antwortet: "Und Sie kommen nie über die Käsetheke hinaus!"

Und somit wäre ich vorerst mit meinen lauteren und stressfreien Recherchen am Ende. Nur so viel sei noch gesagt:
Die Herrentoilette der Stadteilbibliothek Sachsenhausen soll bitte von den Nutzerinnen in einem sauberen Zustand hinterlassen werden.
Ich habe nicht überprüft, ob an der Damentoilette ein ähnlicher Zettel hängt, dass diese von den Nutzern sauber zu halten sei, kann dies aber auf Wunsch nachholen.

Viele Grüße aus Frankfurt und bis zur nächsten Woche. Ihre meinblogwalter Wochenschau.

Abgelegt unter: Wochenschau

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Mittwoch, 3. August 2011

Heiner Geißler und der Wille zur Empörung

Stuttgart 21: Ist Heiner Geißler von allen Geistern verlassen?
Nein, aber der alte Empörungsreflex funktioniert noch wunderbar. Heiner Geissler hat in Stuttgart gefragt „wollt ihr den totalen Krieg?“.
Diese Frage wurde – zurecht – sofort als ein Zitat von Josef Goebbels erkannt. Und vielleicht ist bei diesen provozierenden Worten einigen der in ihre jeweiligen Lager und Ideologien eingemauerten Kontrahenten kurz bewusst geworden, dass sie zu einer für beide Seiten akzeptablen Lösung gelangen sollen, und keinen „totalen Krieg“ zwischen S21 Gegner und Befürworter provozieren sollten.

Vielleicht hat sich jemand kurz gefragt, ob sich beim Thema S21 mehr Fatalismus und Starrsinnigkeit breit gemacht haben als Vernunft und Wille zum Kompromiss. Der andere wird zum Feind – ihn gilt es zu schlagen egal zu welchem Preis.
Es ist heikel Goebbels zu zitieren. Aber wer weiß – und Bilder gesehen hat – in welcher Manier, mit welchem Tonfall und in welcher geschichtlichen Situation Goebbels gesprochen hat, der kann nicht wirklich davon reden, dass Geißler Goebbels wiederholt oder sich gar angeeignet habe. Dies zu tun, wäre auch eine Art der Verharmlosung von Goebbels Rede.

Geißler hat darauf verwiesen, dass der Begriff des „totalen Krieges“ älter ist als Goebbels Verwendung desselben. Er bedeutete den Vorrang des Krieges vor der Politik. (sh. z. B. bei wikipedia). In Stuttgart von Krieg zu reden ist übertriebene Rhetorik, aber dieses Wort wird heutzutage so inflationär angewendet, dass man fragen könnte, wo denn sonst, wenn nicht bei S21 soll man davon reden?
Die Frage „wollt ihr den totalen Krieg“ war provozierend – aber zu provozieren wird einem Politiker nicht zugestanden. Warum? Weil sich das nicht gehört? Weil die Worte eines Mannes wie Geißler einen zu mächtigen Einfluss auf die Bevölkerung hätten? Oder auch, weil der Provozierende eine so gute Angriffsfläche bietet? Dann hat man ihn am Wickel. Dann kann jedes Argument mit Empörung abgebügelt werden. Tiefer gehende Debatten werden so im Keim erstickt.

Dabei hat Geißler nicht mal richtig provoziert. Als Rock’n’ Roller, Punk oder Künstler geht er so jedenfalls nicht durch. Jetzt solle er sich entschuldigen, fordert u. a. der Kommentator bei Spiegel online.

Geißler hat an einem Tabu genagt, denn noch immer schwellen Köpfe rot an, sobald ein Begriff der Nazi-Terminologie irgendwo verwendet wird. Ich möchte hier nicht missverstanden werden: Diese Begriffe sollten auch nie wieder irgendwo eine Rolle spielen und schon gar nicht als Vergleich zu anderen Dingen heran gezogen werden. Aber wenn jemand wie Geißler (dem ja ernsthaft niemand Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt) Goebbels zitiert, dann sollten die Köpfe eher kühl werden und nachdenken, statt heiß zu laufen und sich wohlfeilen Reflexen hinzugeben.

Aber es wird sich munter empört. Ein gefundenes Fressen für Journalisten, Politiker, Wut- und Besserwisserbürger.

Und die Bahn freut sich: Geißlers Analyse und Vorschlag zu einer Kombi-Lösung verschwinden aus den Medien, der Schlichter wird als seniler Sturrkopf durch's Dorf getrieben, die Fronten bleiben verhärtet, also gewinnt der Stärkere.
Und das wird die Bahn sein

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Dienstag, 2. August 2011

simplify your coffee

Gestern kam ein Paket, darinnen eine mechanische Kaffeemühle; darüber schwebend die strenge Frage, wie fein die Bohnen gemahlen werden sollen um den bestaromatischen Kaffee zu erhalten.

Das Internet weiß wie immer bescheid und hat auf jedes Menschheitsrätsel tausendundeine Antwort. Ich begann mit der Frage, welcher Mahlgrad wohl der für Filterkaffee angemessenste wäre und endete in Foren voller Elend, Schicksal, Ratlosigkeit und Hoffnung.

In große Not geraten war ein junger Mann, dem ein einwöchiger Urlaub in einem fremden Haus bevorstand, denn in diesem Hause (verflucht sei es) befinde sich lediglich eine Filtermaschine und der junge Mann wisse nicht, wie er den Kaffee mahlen solle, denn – oh Schicksal! – er könne seine Mühle nicht mitnehmen um Testreihen vor Ort durch zu führen, sondern müsse zu Hause 250 Gramm vormahlen.

Wer jetzt meint, die Antwort könne so schwer nicht sein, der möge Nescafé trinken und in Einfalt leben.
Es müssen Mühlenart, Filterbeschaffenheit, Wasserhärte, Wassertemperatur, Mondphase, Luftdruck, Hüfte-Taille-Quotient und Wetterberericht in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden um eine einigermaßen verlässliche Auskunft zu geben. Doch auch dann gibt es keine Garantie, dass der Kaffee schmeckt wie ein Kaffee schmecken muss.

Ich beschloss, einen Selbstversuch zu wagen und bereitete die erste Tasse mit einem mittleren Mahlgrad. Der Kaffee war voller Aroma und – so profan es klingen mag – schmeckte gut. Ich hätte zufrieden sein können, doch wenn man sich auf die Suche nach der Wahrheit macht, darf man nicht beim ersten Schluck Kaffee sitzen bleiben.
Für die nächsten vier Tassen stellte ich den Mahlgrad jeweils ein wenig feiner ein. Meine Euphorie stieg mit jedem Schluck, auch wenn ich festellen musste, dass der Kaffee nicht besser wurde. Ich begann ihn wieder gröber zu mahlen und mein Herz sprang im Kreis wie ein verliebter Bonobo. Ich war auf der richtigen Spur.
Wahrscheinlich vor Aufregung (mein Gehirn und meine Hände zitterten scheinbar unkontrolliert) hatte ich vergessen, sofort einen Mahlgrad jenseits meiner ersten Tasse einzustellen, und führte die Reihe, die ich gerade von mittlerem zum feinsten gemacht hatte, in umgekehrter Abfolge noch einmal durch.

Kann ja nicht schaden, sollte man meinen.

Inzwischen geht mir das Mahlen immer leichter von der Hand. Hatte ich die Kurbel anfangs bedächtig im Uhrzeigersinn gedreht, liege ich ietzt bei 8,3 Umdrehungen in der Sekunde. In der so gewonnenen Zeit renne ich durch die Wohnung und hämmere meinen Kopf gegen die hintere Wohnzimmerwand. Das beruhigt mich irgendwie.
Vielleicht bin ich ein wenig nervös. Ich spüre, dass ich der Antwort nahe bin und selbstverständlich erregt mich das.
Noch drei vier Tassen, dann -
Finger bleibt ruh-
Nur noch diese Tas-
was? -
Nein ich klopfe nicht-
Nur mein Kopf-
Lust auf einen Kaffee?
Frisch gemahlen
Ach, Sie trinken Tee? Schade.

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