Freitag, 9. September 2011

Meinblogwalter zieht um

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Meinblogwalters Notizen

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Ihr MBW

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Dienstag, 6. September 2011

So denke ich, dass sie denkt...

Natürlich ist es schwer, mit Frauen zu kommunizieren. Man weiß nie, was sie wirklich denken.

Bei der Dame meines Herzens und mir fängt es zum Beispiel am Frühstückstisch an.

Gestern morgen, nachdem ich zu Ende gegessen hatte, entfuhr mir ein unbedarftes:
„So“.
Sie sah mich an.
„Und was?“
„Nichts. Was denn?“
„Nach ‚so’ muss immer eine Aktion folgen“, erklärte sie.
Mir war das neu.
„Du sagst oft ‚so’", warf ich ein. „Von dir habe ich das übernommen.“
„Ja, und wenn ich es sage, dann mach ich auch was. Zum Beispiel den Tisch abräumen.“

So werden Regeln aufgestellt.

Heute morgen trank sie ihren Kaffee aus, stellte die Tasse mit einem Knall auf den Tisch und sagte:
„So!“
Da wusste ich, jetzt würde sie das Frühstücksgeschirr abräumen. Doch es geschah nichts, seelenruhig las sie weiter in der Zeitung.
„Nach ‚so’ muss immer eine Handlung folgen“, sagte ich.
„Machst du ja auch nicht“, erwiderte sie beinahe schnippisch.

Inkonsequenzen bin ich selbstverständlich gewohnt, aber ich hätte gerne endlich den Frankfurt-Teil der Zeitung gelesen, der ja wahnsinnig spannend sein musste, so wie sie sich darüber beugte.

„Nach ‚so’ muss man die Zeitung tauschen. Neue Regel“, versuchte ich es, aber sie ging nicht darauf ein.

Also stand Ich auf und räumte den Tisch ab. Als ich fertig war, hatte sie die Zeitung ausgelesen.
"So, dann kann ich ja."
Ich schenkte mir einen zweiten Kaffee ein, und stellte fest, dass überhaupt nichts Interessantes im Frankfurt-Teil stand. Ich blätterte noch einmal - aber nichts.
Kurz überlegte ich, zu fragen, welchen Artikel sie auswendig gelernt hat - aber vielleicht ist das Leben schöner, wenn man manchem Rätsel sein Geheimnis lässt.

Für die Dame meines Herzens hat sich das alles ganz anders abgespielt.
Als sie gestern in ihre Gedanken versunken am Frühstückstisch saß und überlegte, ob sie den Tisch abräumen sollte oder doch noch ein Toast? Und sie muss vor neun Uhr noch eine Kollegin anrufen und wenn die nicht da ist, was soll sie ihr auf den Anrufbeantworter sprechen, oder doch lieber eine Mail schreiben? Und (ich muss dies so ausführlich wieder geben, weil die Dame meines Herzens so umständlich denkt) zwei drei Berichte in der Zeitung sind auch noch zu lesen, aber wann liest die Kollegin die Mail und überhaupt, warum kaut der Kerl neben ihr eigentlich so selbstzufrieden sein Nutellatoast, wenn die Welt gerade im Chaos versinkt - und in diesem Augenblick spülte ich den letzten Bissen mit einem Schluck Kaffee hinunter und sagte:
„So“.
„Was so?“
„Nichts, was denn?“
Diese Antwort half ihr überhaupt nicht weiter bei ihren dreizehneinhalb Problemen und wenn ich schon so großspurig ‚so’ sagte (als ob ich mich in diesem Augenblick anschickte, Rom neu zu erbauen), könnte ich zumindest den Tisch abräumen!

Heute morgen war das längst vergessen. Rom wurde gestern nicht gebaut, aber der Käse in den Kühlschrank gestellt. Und irgendjemand hatte ihn sogar pünktlich zum Frühstück wieder heraus geholt. Der Kaffee war heiß und stark.
„So!“
Sie stellte die Tasse auf den Tisch. Jetzt erst mal in Ruhe die Zeitung lesen.
„Nach ‚so’ muss man die Zeitung tauschen“, sagte ich.

Aber doch nicht bei diesem ‚so’! Denkt sie sich, während sie weiter auf diesen unwichtigen Zeitungsartikel starrt. Jede Frau weiß, dass es unterschiedliche ‚sos’ gibt. Manche verlangen Aktion, manche sagt man einfach nur so, ohne Grund, weil man irgendwas sagen muss. Frauen müssen oft irgendwas sagen. Ohne Grund.
Dass gerade ihr Freund das nicht versteht! Typisch Mann. Nur immer schwarz-weiß, als ob das Leben so-oder-so wäre und nicht auch mal ganz anders.

Das denkt sie selbstverständlich nicht wirklich. Ich weiß nicht, was sie denkt. Wenn ich es wüsste, hätte ich niemals so naiv einfach nur "so" gesagt.

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Freitag, 2. September 2011

Bürgerliche Verschrecktheit und ein Geschenk für den Weltfrieden

Ich glaube, es hackt. In Hamburg ist das Trinken alkoholischer Getränke im öffentlichen Nahverkehr verboten. Wieso, weshalb, warum?
In Frankfurt wird über ein Verbot noch diskutiert.

„Alkohol trinkende Personen verbreiten jedoch ein Gefühl der Unsicherheit, das andere Fahrgäste verschreckt“, meint Frankfurts CDU Fraktionsvorsitzender Helmut Heuser. Der arme, verschreckte Mann, vielleicht sollte man ihm helfen.

Passiver wie auch aktiver Umgang mit Alkohol sind erlernbar.

Erstens: Ängste ablegen. Ein wenig Alkohol tut weniger weh als eine Spritze beim Doktor.
Zweitens: Vorurteile abbauen. Alkohol lässt nicht zwangsläufig jeden Menschen zum Rowdy, Tunichtgut und Randalierer werden. Manche werden Propheten, Dichter oder schlafen einfach ein (nicht zu verwechseln mit sogenannten „Schläfern“: Die machens auch ohne Alkohol).
Drittens: Positive Aspekte annehmen. Alkohol ist das Kulturgut unserer westlichen Zivilisation. Er fördert Festlichkeit, Gemeinsamkeit und Lockerheit. Er erweckt spirituelle Erfahrungen jenseits von Katholizismus oder Räucherstäbchen – und (als Bonus für die CDU) ist zugleich vollständig integriert in christlicher Religion.
Viertens: Die Kirche im Dorf lassen.
Fünftens: Wie soll man ein Spiel der Eintracht ertragen ohne davor und danach in der Bahn ein Bier zu trinken?
Sechstens: Alleine oder mit mehreren im Auto trinken ist ja auch nicht besser.
Siebtens: Haben Sie mal überlegt, wieviele Menschen aggressiv werden, wenn sie KEIN Alkohol mehr in der S-Bahn trinken dürfen?
Achtens: Wer, bitte sehr, fühlt sich warum verschreckt durch Alkohol trinkende Personen? Aggressive Personen im öffentlichen Nahverkehr sind aggressiv ganz unabhängig davon, ob sie in diesem Augenblick gerade eine offene Flasche in der Hand halten oder nicht.

Fazit: Alkohol trinkende Menschen im öffentlichen Personennahverkehr sollten nicht mehr verschrecken als zum Beispiel Kinder, die in Hofeingängen Flohmarktstände aufgebaut haben.
So ein Kind sprang mich kürzlich an, als ich die Waldschmidtstraße entlang ging. „Wollen Sie was kaufen?“ Quakte von links eine Stimme und zwei Mädchen grinsten hinter einem Tisch voller selbst gebasteltem Allerlei.
Sehr beeindruckt hat mich eine Panflöte aus Strohhalmen, aber gekauft habe ich schließlich ein Türschild mit der Aufschrift: „Komm doch BITTE herein“ – oben eine aufgemalte Sonne, unten ein lächelndes Gesicht. Und seitdem höre ich die Dame meines Herzens kichern, bevor sie ins Zimmer tritt.
Gerne hätte ich die beiden Mädchen gefragt, ob sie auch Luftgitarren verkaufen, denn so eine wollte ich schon immer mal verschenken. Letzten Freitag wurde eine deutsche Studentin Weltmeisterin an der Luftgitarre. Das Motto dieser Weltmeisterschaft im finnischen Oulu lautete „spiel Gitarre für den Weltfrieden“, so könnte ich mit meinem Geschenk Gutes tun und, falls es nicht gefällt, wäre es einfach und umweltschonend zu entsorgen. Das Üben an der Luftgitarre macht zudem keinen Lärm und darüber werden sich am meisten die Kohlmeisen freuen.

Wer das wunderbare Buch „Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen“ von Jörg Metes und Tex Rubinowitz kennt, weiß, von was Kohlmeisen träumen – um so trauriger, dass es immer öfters beim Träumen bleibt. Um im zunehmenden Lärm der Städte von ihren Weibchen gehört zu werden, müssen männliche Kohlmeisen in höheren Tonlagen singen. Das hohe Gezwitscher klingt überhaupt nicht sexy und immer mehr Weibchen brennen mit einem Zugvogel oder einer Blaumeise durch.

Was bleibt den männlichen Kohlmeisen dann noch außer Alkohol?

Vielleicht ein Ausflug mit der S-Bahn in den Taunus. Bis es einem auffällt: Singende Meisen verbreiten ein Gefühl der Unsicherheit, das andere Fahrgäste verschreckt - und man kann mit Kanonen nicht nur auf Spatzen schießen.
Dann ist auch damit Schluss.

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Mittwoch, 31. August 2011

Aloha from Frankfurt

Kennen Sie auch die Momente, in denen die Welt auf dem Kopf zu stehen scheint? Und Sie vielleicht das Gefühl haben, die Erde habe sich gerade ohne Sie gedreht? Wenn Sie sich nicht mehr auskennen? Wenn Sie zum Beispiel nicht wissen, was Sie als nächstes bestellen sollen?

Ich saß kürzlich an einem der wenigen heißen Tage an einem der Tische vor einem Café auf der Berger Straße. Ich saß im Schatten, entspannt, im Einklang mit den Dingen und beobachtete drei junge Menschen auf der anderen Straßenseite, die irgendwas mit Medien machten.
Ein Kameramann, einer, der dabei stand und dessen Funktion sich mir nicht erschloss, sowie eine Frau mit Mikrofon, die Vorrübergehende interviewen wollte.
Die meisten der Angesprochenen winkten ab und gingen weiter.

Zwischendurch las ich. Im Schatten war es angenehm und ich dachte mir, wenn ich Teil des Filmteams wäre, würde ich ein schattiges Plätzchen suchen.
Sie standen in der prallen Sonne und ich stellte mir vor, dass sie stark schwitzen.
Macht ja auch keinen guten Eindruck auf potentielle Interviewpartner, dachte ich mir. Vielleicht riecht es auch schon.
Warum sie gerade an dieser Ecke standen und die Kamera in Richtung Höhenstraße hielten, weiß ich nicht - aus meiner Sicht gab es keinen zwingenden Grund dafür, es sei denn, der Laden an der Ecke musste unbedingt ins Bild.
Vielleicht wäre einer von den dreien auch gerne irgendwoanders hin, konnte sich aber nicht entscheiden. Vielleicht litten sie an Abulie, der krankhaften Unfähigkeit, sich zu entscheiden. Gehen wir dorthin? Gehen wir dahin? Und blieben einfach stehen, zergehend in der Sonne und kaum einer der Vorrübergehenden konnte sich entschließen, ebenfalls stehen zu bleiben um später sein glühendes Gesicht im Fernsehen zu sehen.

Irgendwann hatten die drei genug und gingen ein paar Meter die Straße hinauf. Der Kameramann schwenkte sein Gerät im 360° Winkel und filmte somit auch die ihm gegenüberliegende Straßenseite mit dem Café, wo ich saß.
Schnell senkte ich meinen Kopf in Lesestellung und gab mir einen konzentrierten Gesichtsausdruck. Dann waren sie verschwunden und ich konnte mich wieder ernsthaft meinem Buch widmen.

Da fiel mir auf, dass mein Cappuccino ausgetrunken war. Und damit fing mein Problem an.
Was trinkt man um 16 Uhr im Straßencafé, wenn man kein kaffeehaltiges Getränk mehr möchte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Diese Frage hatte sich mir noch nie gestellt. Zumindest konnte ich mich in diesem Augenblick nicht an eine möglicherweise schon einmal gegebene Antwort darauf erinnern.

Mein pragmatisches Gehirn dachte sofort an Bier.
Mein Gedächtnis erinnerte sich an Apfelsaftschorle.
Ich dachte, es muss doch noch was anderes geben und ließ mir die Karte bringen.

Und dann kam ich mir alt vor. Bionade kannte ich ja noch. Dass Rhabarbersaft hip ist, weiß ich auch irgendwoher. Anfreunden kann ich mich damit dennoch nicht.
Aber was ist Aloha? Ich dachte an Elvis im Hawaii Hemd und überwand mich, die Bedienung danach zu fragen - auch auf die Gefahr hin, angesehen zu werden wie Alpöhi auf Stadtbesuch.

„Sowas wie Bionade, nur nicht so süß.“

Ich war ein bisschen aufgeregt. Welche Welt sich mir hier erschloss.
Aloha.
Das ist Exotik, das ist Sonne, Hawaii, Hula-Hula Mädchen, Blumen im Haar und jetzt vielleicht noch ein erfrischendes Getränk!
Es gab drei Geschmacksrichtungen.

„Dann nehme ich so ein Aloha Edelflower.“

„Elderflower, Holunderblüte“, korrigierte die Bedienung und tänzelte hinfort.

Die Sonnenstrahlen hatten inzwischen meinen Tisch erreicht und ich träumte mich in eine Bar am Aloha Friday, dem Casual Friday auf Hawaii, an dem die Angestellten statt strenger Geschätskleidung ein Hawaiihemd tragen dürfen. Ein Team von Schweiss TV filmt Heidi beim Schwitzen und neben mir sitzt Elvis und spielt Ukulele. Er trägt ein rotes Hemd mit Mustern aus weißen Palmenblättern. Um 17Uhr zieht er eine Knarre aus dem Bund seiner Hose, schießt in den Monitor des Kameramannes, wischt die Rhabarbersaftgläser vom Tresen und piepst mit seltsam hoher Stimme:

"It's Gin o'Clock. Aloha to the spirits!"

Dann plötzlich stand die Bedienung vor mir und stellte eine Flasche mit durchscheinender Flüssigkeit und ein Glas auf den Tisch.
Beim Einschenken hielt ich das Glas schräg. So, wie ich es vom Bier gewohnt bin.
Ein bisschen Würde muss schließlich sein.

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Donnerstag, 25. August 2011

„Wir sind glücklich, weil wir lachen" (M. Kataria)

Lachen. Wir sollten viel mehr lachen.
Kürzlich habe ich eine Anzeige für Kurse in Lachyoga gesehen und schon ging es mir viel besser. Ich habe mir dazu ein Filmchen auf youtube angeschaut und unverzüglich kringelte ich mich vor Lachen.

Das Lachen verging mir, als ich ein paar Zeitungsseiten weiter von gescheiterten Sternen las, die lediglich Zimmertemperatur erreichen und kein Licht aussenden können.
Wussten Sie, dass Sterne scheitern können? Ist das nicht traurig, dieser Erfolgsdruck am Himmelsplan?
Klar, die großen Sterne zünden eine Kernfusion nach der anderen, aber was ist mit den Kleinen, die es nicht schaffen? Was fühlt so ein gescheiterter Stern? Allein in seiner Finsternis, kalt ist ihm und die anderen Sterne zeigen mit allen Zacken auf ihn, und ihr Strahlen lässt seine Existenz noch dunkler wirken.
Wer gibt ihm Trost? Wer bringt ihn zum Lachen? Vielleicht das Fernsehprogramm? Aber nein, was lese ich da? Fernsehen verkürzt die Lebensdauer.
Eine Stunde Fernsehen kostest 22 Minuten Lebenszeit. Wer dazu noch raucht, trinkt und Chips isst, braucht erst gar nicht mehr aufzustehen.
Bewegung würde Abhilfe schaffen, aber jetzt sagen Sie mal einem Stern, er solle sich bewegen! Ist doch kein Planet. Dann kleben unsere Problemsterne lieber schmollend im Himmelseck und träumen davon, entdeckt und zum Star zu werden. Genau das ist jetzt geschehen. Die Wissenschaftler sind begeistert und auch wenn die Entfernung höchstens eine Wochenendbeziehung zulässt, könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden.

So absurd es klingt, eine Freundschaft verbindet auch den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch mit dem Dalai Lama. Letzerer war kürzlich mal wieder im Lande.
Er könne sich vorstellen, als Honigbiene wiedergeboren zu werden, scherzte Seine Heiligkeit.
Auf dem dazugehörigen Bild trug er wie immer einen gelb-güldenen Überwurf und lächelte schelmisch – und sah aus wie eine Parallelinkarnation von Willi aus Biene Maja.

Überhaupt, was das Äußere betrifft, hat es der Dalai Lama einfach. Von einem Mann in seiner Position erwartet man keine Extravaganzen sondern ein traditionelles Kostüm und einen bescheidenen Haarschnitt. Die erlauchten Füße steckt er dazu gerne in Zehentreter, sogenannte Flipflops. Bescheiden ist der Mann, bescheiden wie der Sommer 2011, der allerdings die Grenzen des modisch Möglichen neu definiert.

Die Sommernacht 2011 bewegt sich zwischen Flipflops und Wollmütze. In der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht habe ich gesehen, dass beides an einem Abend möglich ist, aber vielleicht unterlag ich auch nur einer Halluzination des Welle-Teilchen-Dualismus, der besagt, dass jeder Mensch zugleich einen Sandalen- und einen Wollmützen-Charakter hat, aber je nach Körperausdünstung nur der eine oder der andere in Erscheinung tritt.
Immerhin, die Menschen nehmen den Sommer langsam mit Humor. Gestern sagte einer im Laden: „Des is die Rache vom Kachelmann“. Und lachte.
Ha, ich gehe jetzt zum Lachyoga und wunder mich über gar nichts mehr.

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Dienstag, 23. August 2011

Ein Fanatiker in der Stadtbücherei

Erst dachte ich, es mit einem Verschrobenen zu tun zu haben, dann, mit einem Verrückten, einem Wahnsinnigen. Inzwischen bin ich mir sicher: Es ist ein Fanatiker. Ein wahnsinniger Fanatiker.

Er verfolgt mich, vielleicht verfolge ich auch ihn. Die Grenzen verwischen. Ich weiß nicht, wer er ist, wo er ist, aber wohin ich komme, da war auch er.

Vielleicht ist es auch eine Frau. Ich weiß wenig über diese Person, aber ein Mensch muss es sein. Sie liest und sie nimmt hin und wieder einen Bleistift zur Hand um etwas durchzustreichen:

englische Lehnwörter.

Egal, welches Buch ich mir in der Stadtbücherei ausleihe, der Fanatiker war schon da und hat durchgestrichen. Kleinlich und ohne Sinn und Verstand. Ein paar Beispiele aus dem Buch von Juan Moreno, Von mir aus: Wahre Geschichten. Da liest man von der „Ostband“ „City“. Sowohl „City“ als auch „-band“ wurden durchgestrichen. Ebenso das „-song“ von „Steuersong“ oder die Worte „clever“ und „surfte“ usw. usf. Er lässt weder „ok“ noch „durchgecheckt“ stehen. Penibel sind alle irgendwie aus dem englischen kommenden Begriffe durchgestrichen.

Und es betrifft nicht nur ein Buch. Nein! Jedes zweite Buch, das ich in die Hand bekomme, wurde von diesem Wahnsinnigen bearbeitet. Unterschiedlichste Werke, bekannter und weniger bekannter Autoren. Was ist das für ein Mensch?
Und warum scheint er die gleichen Bücher zu lesen wie ich? Das macht mir Angst. Gespaltene Persönlichkeit und so. Man hört so viel... weiß ich, mit was ich die Nächte, wenn ich angeblich schlafe, zubringe?
Auch mich ärgern manche Anglizismen. Auf „das macht Sinn“ und „am Ende des Tages“ verzichte ich genau so gerne wie auf das Apostroph bei „Peter’s“. Aber deswegen jedem kleinen Lehnwort den Garaus machen? Skrupellos in Büchern anderer Leute rumkritzeln, zu streichen und zu verbessern? No, not me.

Das muss ein wirklicher Fanatiker sein.
Der Begriff Fanatiker kommt von lateinisch fanaticus. Das bedeutet, göttlich inspiriert zu sein, in rasender Begeisterung, von der Gottheit ergriffen. Nun ist mit Göttern viel passiert, seit die Römer nicht mehr Latein reden und schon manch einer hat für göttliches Gebot gehalten, was nur leerer Schall oder schlicht Unsinn war. Der verrückte Bruder des Unsinns ist bekanntlich der Wahnsinn, mit dessem Wortteil „Wahn“ irrige Vorstellungen bis zwanghafte Einbildungen benannt werden.
Was für eine arme Sau muss das sein, der die Welt verbessern will indem er Wörter in Büchern einer öffentlichen Bibliothek durchstreicht? Ein Fanatiker eben.

Doch er macht Fehler. Bei „be happy“ hat er das „be“ übersehen, bei „swimmingpool“ das „swimming“ – aber, was soll ich sagen? Shit happens, nobody's perfect und Idiot ist ja auch ein Wort aus einer anderen Sprache.

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Donnerstag, 18. August 2011

Sommer, lebende Fossilien und ewige Idioten

Hier wieder die Wochenschau mit großen und kleinen Nachrichten der letzten Tage.

Gestern, in unserem trauten Heim: Die Dame meines Herzens schneuzte sich laut trompetend die Nase und ich befürchtete, gleich stünden drei kleine Elefanten unter unserem Fenster, Rüssel und Augen nach oben gerichtet und riefen aufgeregt: „Mama?“

Überhaupt war einiges mit Tieren die letzten Tage.

Zum Beispiel lebende Fossile. Ein aalartiges Wesen hat sich 200 Millionen Jahre in einer Höhle in der Südsee versteckt. Jetzt wurde es entdeckt und mit dem schönen Namen Protoanguilla palau bedacht. Man fragt sich, wer und was kriecht noch alles von irgendwoher in die Öffentlichkeit? Mehr dazu später unter dem Stichwort "lebende Idioten".

In Frankfurt vermutet man lebende Fossile vielleicht im „Mampf“ im Sandweg, wo der Wirt die Preise in D-Mark ausruft und in Euro abkassiert.
Aber das ist nur so ein Zwischengedanke.

Als Fossil könnte man auch Günter Grass bezeichnen. Der hat sich allerdings nie versteckt und kann mitunter auf die Nerven gehen.
Doch letzte Woche habe ich ihn mal richtig lieb gewonnen und war froh, dass wir ihn haben, in unserem gar nicht so trauten Deutschland. Und das hat mit den lebenden Idioten zu tun:

In einem Beitrag bei 3Sat Kulturzeit wurde gezeigt, wie Mitglieder der Neuen Rechten eine Lesung von Grass mit Plakaten und Zwischenrufen stören.

Götz Kubitschek, Großagitator der Neuen Rechten, sagt dazu:
"Wenn wir da anders drauf gewesen wären, dann wären wir auf die Bühne gegangen ins Scheinwerferlicht und hätten ihm das Mikrofon abgenommen und gesagt: 'Opa setz' dich hin, du bist jetzt mal ruhig. Jetzt geht es um etwas ganz anderes hier.' Oder wir hätten seinen Wein ausgetrunken, der da oben auf der Bühne stand. Oder keine Ahnung, irgendwas richtig subversives." (Quelle: 3sat Kulturzeit)

Erstens ist es nicht subversiv sondern kindisch, Günther Grass den Wein wegzutrinken, und zweitens kann man denn nicht anders subversiv sein als mit rechter Scheiße?

Sie nennen sich selber Rechtsintellektuelle und verbrämen ihre Ausländerfeindlichkeit und ihr Nazi-Weltbild mit pseudo-vernünftiger Sprechweise.

Ihre Kinder heißen Brunhilde, Undine oder Ingeborg und darüber müssen sie nicht mal lachen. Unsympathisches Volk, diese Rechtsnationalen. Pfui, pfui.

Den sehenswerten Beitrag von Kulturzeit findet man hier

Am Ende noch zu erfreulicheren Dingen:
Der Sommer ist da. Es ist warm, sogar heiß, Bienen und Fliegen besuchen mich in unserer Küche und draußen tragen die Menschen schweinchenrosa Poloshirts. Der verwegene Mann auch gerne mit hochgestelltem Kragen.

Wer jetzt Augen und Ohren und alle Sinne beisammen hat, kann erleben, wie schön eine vielfältige bunte Welt ist - und wie vollkommen überflüssig rechte Gesinnungsgenossen sind.
Herzlich willkommen hingegen sind drei kleine Elefanten. Wer sie trifft, schicke sie bitte zu der Dame meines Herzens. Die kann nämlich Elefantensprache.

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Montag, 15. August 2011

Soviel Zeit muss sein

Wo immer man auf andere Menschen trifft, gibt es Grund, sich zu ärgern. Das klingt etwas übertrieben, denn wer schon einmal hundsalleine in der Mitte einer Wüste irrte, wird sich gefreut haben über den Anblick eines plötzlich auftauchenden Menschen.
Zumindest bis er ihm gegenüber stand.
Aber das sind müßige Gedanken in einer Welt voller Supermärkte, Bahnsteige und Straßenfeste.
Wer will behaupten, dass er noch nie einen verstohlenen Kampf um den Platz an der Supermarktkasse ausgetragen hat oder am Bahnsteig sich gestört sah durch gepäckbeladene Unholde mit fahrlässigem Körpergefühl?
Manche gehen zu Straßenfesten nur, um hinterher zu erzählen, wie voll es war und dass es immer schlimmer wird. Voll schlimm.

Ich gehe oft und gerne in Cafés um zu lesen.

Dabei bin sich sehr geräuschempfindlich. Wenn sich jemand am Nachbartisch den Kopf kratzt, schrecke ich ob des dabei entstehenden Geräusches hoch und schaue verärgert hinüber.
Auch sollte man sich in meiner Gegenwart weder allzu laut unterhalten noch flüstern – bitte sehr, das Zischeln enerviert ganz gewaltig.

Eine Melange aus unaufgeregten, leicht melodiösen Stimmen in mittleren Tonlagen und Café-üblichen Klängen, ein umfassendes Hintergrundrauschen, aus welchem einzelne Bedeutungen nicht mehr zu hören sind, wäre meiner Konzentration sehr zuträglich.

Leider ist mir das Glück einer solchen Atmosphäre selten beschieden.

Statt dessen:

„Mit mir kann man verünftig reden“

Sagt zum wiederholten Male ein höchstens 25 jähriger Schnösel mit pubertärer Stimme.
Ich versuche, zu ignorieren und mich in mein Buch zu versenken. Allein, es mag mir nicht gelingen. Zu aufdringlich ist die Stimme des Schnösels, zu laut und zu penetrant der Tonfall.
So höre ich, dass er kein Problem damit habe – und jetzt will ich auch wissen, mit was er verdammt nochmal kein Problem hat. Denn Schnösel klingt nach einer ganzen Freud'schen Couchgarnitur voller Probleme.

„Da steh’ ich drüber“

Es geht um Streit im Büro. Das kennen wir alle: unangenehme Kollegen, vertrackte Situationen, Meinungsverschiedenheiten, Konkurrenz, Interessenkonflikte und was es sonst noch so alles gibt.
Aber, Originalton Schnösel:

„Da steh’ ich drüber“ (er wiederholt seine Lieblingsphrasen ungeniert)

Das sei er gewohnt. In der Schule wurde er schon immer gehänselt.

Ich klappe mein Buch endgültig zu und schaue hinüber. Er trägt ein dezent gestreiftes Hemd, dass nach Karriereplanung ausschaut und hat scheitel-gegeltes kurzes schwarzes Haar. Vor ihm ein gewaltiges Stück Kuchen und ihm gegenüber ein blasser junger Mann mit Dreitagebart und krummen Rücken.

Ich ahne, dass der Kuchen nicht gegessen sein wird, bevor nicht die ganze Lebensgeschichte erzählt ist. Und der Widerstand seines Gesprächspartners scheint längst gebrochen zu sein.

„Ich hab ein fotografisches Gedächtnis“

Aha, denke ich mir und erfahre, dass er in der Schule an einem Abend gelernt hat, wofür andere mindestens drei Tage brauchten.

„Aha“, sagt jetzt sein Gegenüber, „hast du Abitur?“

„Realschule“, sagt Schnösel, aber „fotografisches Gedächtnis“ – schon immer, deswegen konnten ihn die anderen nicht leiden.

Aber da stehe er drüber und wenn der eine Kollege jetzt ein Problem habe, solle er ihn persönlich ansprechen. Schließlich könne man mit ihm vernünftig reden.

Bevor ich darüber sinnieren kann, was er unter vernünftig versteht und ob er auch dabei Monologe halten würde, wendet er plötzlich den Kopf und sieht mich an.
Wahrscheinlich habe ich geglotzt. Einmal sah ich ein böse schauendes Gesicht mit zusammengezogenen Augenbrauen in der S-Bahn und erschrak, als mir klar wurde, dass dies mein Spiegelbild im Plexiglas ist.
Ich nehme an, auch jetzt zeigte mein Gesichtsausdruck Missfallen und, wenn Gott will, eine Spur Verachtung.

Schnösel schiebt sich ein Stück Kuchen in den Mund und während er kaut, schaut er noch einmal rüber.
Lese ich in seinen Augen Unsicherheit? Verachtung? Interesse?
Nein, gar nichts entdecke ich da. Die Augen blicken so selbstbezogen wie seine Phrasen tönen.
Vielleicht dachte er, was ist denn das für ein Depp, hockt im Café, hat ein Buch dabei und liest nicht – oder: kommt alleine mit Buch ins Café, so ein komischer Kauz – oder einfach nur: Was glotzt der mich so an?

Aber wahrscheinlich dachte er einfach an sich und seine Welt und was es dazu noch alles zu erzählen gäbe.

Er wendet sich dem Kerl mit dem krummen Rücken zu und nimmt seinen monotonen Monolog wieder auf.

Wenn die Kollegen das so machen würden, wie er es gesagt hat, ginge es viel schneller. Aber die seien neidisch und redeten hintenrum über ihn.

Mir vergeht das Verlangen, ihm ordentlich unvernünftig das Gesicht in den Kuchen zu drücken und dabei „Schnauze!“ zu brüllen –

Ich zahle und räume das Feld, und falls ich ihn jemals im Supermarkt sehe, werde ich nicht versuchen, an der Kasse schneller zu sein, sondern so lange meinen Wagen durch den Laden lenken, bis ich sicher bin, er ist weg.

Soviel Zeit muss sein.

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